Katastrophale Defizite in der Rechtschreibung - "Lesen durch Schreiben" und daraus abgeleitete Methoden aussetzen und umfassend überprüfen

Kirstin Korte MdL
Kirstin Korte MdL
Zunächst möchte ich klarstellen, dass die von der FDP in den Blick genommene Methode nach Reichen „Lesen durch Schreiben“ ein alter Hut ist. Hätte der Spiegel sie nicht zufällig im Sommerloch auf mehreren Seiten zerrissen, würden wir heute vermutlich nicht darüber debattieren. Ich selbst habe in der Zeit vor diesem Mandat in der Grundschule, unter anderem damit, zahlreiche Erstklässler an das Schreiben und Lesen herangeführt.

In der Grundschule herrscht Methodenvielfalt. Kaum jemand beschränkt sich allein auf die Reichen-Methode, sondern wendet sie zusätzlich an. Sie ist nur eine von vielen sich ergänzenden Methoden. Neben der Einführung der Buchstaben, des Erarbeitens eines Grundwortschatzes, mit ausgiebigen Übungen und Wiederholungen. Die Anlauttabelle –darauf basiert die Methode-, wird in der Regel im 1. Schuljahr genutzt, damit Kinder individuell Wörter aufschreiben können. Das ist himmelweit entfernt von der reinen Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen, die ich in jedem Fall ablehne. Reichen vertrat die extreme Ansicht, dass Rechtschreibung gänzlich unwichtig sei. In seinen Augen braucht die Gesellschaft Denker und Visionäre. Die einfacheren Dinge – zu denen in seinen Augen die „Richtigschreibung“ gehörte – sollten Computer und Rechtschreibprogramme übernehmen. An dieser Stelle zeigt sich: Jeder Extremist ist Mist. Das scheint in der Pädagogik ebenso zu gelten wie in der Politik. Die Grundschulen in Nordrhein-Westfalen arbeiten ganz sicher nicht nach der reinen Reichen-Methode, aber sie verwenden Elemente daraus. Die Lehrerinnen und Lehrer der Primarstufe passen die Methoden ihrer Lerngruppe an und versuchen die Kinder individuell zu fördern. Genauso lautet auch ihr Auftrag. Das Grundproblem Rechtschreibleistungen ist vorhanden – der FDP-Antrag, den wir heute diskutieren, ist aber in der vorliegenden Form zu kurz gesprungen. Es ist richtig, dass sich der Ausschuss für Schule und Weiterbildung mit den Kompetenzerwartungen in der Rechtschreibung und den Wegen und Methoden dorthin beschäftigen sollte. Wichtig dabei bleibt, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht bevormundet werden - Vertrauen Sie den Kompetenzen der Kollegen. Die Politik sollte sich nicht in die Didaktik und Methodik einmischen. Es gibt andere Bereiche, in denen sich die Schulen Unterstützung wünschen: Vertretungslehrer, Klassenfahrten, Schulschließungen und die Inklusion – wohlwissend, dass die Liste noch deutlich länger ist. Liebe FDP-Fraktion, Ihrem Antrag entnehme ich, dass Sie sich maßgeblich vom Spiegel-Artikel haben inspirieren lassen. Sicherlich sprechen Sie vielen Eltern aus der Seele. Nur sollte es hier nicht um Effekthascherei gehen. Die Problematik der Rechtschreibleistungen hat auch außerschulische Gründe. Es gilt hier ein bisschen das Prinzip „aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert“ gepaart mit Halbwissen. Zurück zur Rechtschreibung: Früher hieß es „wer nämlich mit h schreibt ist dämlich“. Heute brauchen sich Kinder, zumindest in der ersten Klasse, nicht mehr als dämlich titulieren lassen. Sie werden mit möglichst geringer Hemmschwelle an das Schreiben herangeführt. Sie schreiben wie sie es hören. Und müssen zeitnah vermittelt bekommen, dass es sich hier zunächst um ihre „Kinderschreibweise“ handelt. Diese verlässlich in die „Erwachsenenschreibweise“ zu überführen fordert das pädagogische Geschick der Lehrerinnen und Lehrer. Wir werden selbstverständlich der Überweisung des Antrages in den Schulausschuss zustimmen. Ihre gewünschten Untersuchungen durchzuführen, dürfte schwierig werden. Es kann aber nicht schaden sich mit dem grundsätzlichen Problem der Rechtschreibleistungen sachlich auseinanderzusetzen. Wir sollten ernsthaft überlegen wie die Lehrpläne entfrachtet werden können. Der Blick sollte anschließend auf der stärkeren Gewichtung des Erwerbs und der Festigung der Kulturtechniken liegen. Unser Gehirn google und Rechtschreibprogrammen anzuvertrauen kann nicht Ziel einer verantwortungsvollen Bildungspolitik sein.

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