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Reden

07.07.2016, 16:00 Uhr | Plenarrede vom 06.07.2016
 
Landesregierung muss einen "Masterplan Grundschule" vorlegen
Aus jahrelanger Erfahrung als Lehrerin an einer Grundschule kann ich sagen, man muss eine „eierlegende Wollmilchsau“ sein, wenn man den Alltag erfolgreich bestreiten will. Schüler sind völlig unterschiedlich – Individuen eben. Ein Segen! Aber manche Kinder kommen kaum vor die Tür, haben zum Beispiel noch nie auf einem Berg gestanden oder das Meer gesehen und wissen nur wenig über ihre Stadt.
Plenarrede vom 06.07.2016 - Einigen sind Bücher unbekannt. Dann gibt es Eltern, die sich kümmern und ihren Kindern Ideen mitgeben. Oder aber es überdrehen: ihren Kindern zur Einschulung schon ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Abitur 2028“ anziehen. Der Druck ist hoch. Neben dem Unterricht lasten immer mehr Aufgaben auf den Lehrern und Schulleitungen. Natürlich gehört das Schreiben von Konzepten und Schulprogramme, sowie die Evaluation dazu. Aber der Umgang mit ADHS, autistischen Zügen, sprachlichen oder motorischen Defiziten, sozialer Vernachlässigung und, und, und … kommt der Tätigkeit von Sozialarbeitern sehr nahe. Hier brauchen die Lehrer mehr Unterstützung. Wir dürfen sie nicht weiter im Regen stehen lassen. Derzeit sind an 345 Grundschulen die Schulleiterposten unbesetzt und an 670 Grundschulen die stellvertretenden Schulleitungen, das sind über 1000 Stellen. Der VBE erteilt hier die Note mangelhaft – Meine Damen und Herren – die Lösung ist ganz einfach! Niemand bindet sich gerne für einen „Appel und ein Ei“ noch mehr Verantwortung ans Bein als er ohnehin schon hat! Es müssen finanzielle Anreize geschaffen und bürokratische Hemmnisse überprüft werden! Wir müssen der Grundschule mehr Wertschätzung entgegen bringen! Es geht schließlich um unsere Kinder, das Fundament unserer Dörfer, Städte und Kreise- eben unserer Gesellschaft. Jeden der rund 620.000 Grundschüler in Nordrhein-Westfalen möchte ich mit einem Rohdiamanten vergleichen – nur mit dem fachgerechten Schliff durch individuelle Förderung kann er zum Strahlen gebracht werden. Es bedarf viel Idealismus der Lehrkräfte an den mehr als 2.800 Grundschulen im Lande, die unterschiedlichsten Fähigkeiten und Herausforderungen der Kinder zu erkennen und umzusetzen, um jedem dieser Rohdiamanten gerecht zu werden. Wie können wir der Grundschule mehr Wertschätzung entgegenbringen? Ich sage es Ihnen: 1. Unsere Schulleitungen müssen von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, damit sie den Kopf frei haben für Gestaltung – wir fordern Schulverwaltungsassistenten! 2. Inklusion muss vernünftig gemacht werden – nur wenn eine Schule angemessen mit Raum und Sonderpädagogen ausgestattet ist, kann diese auch gelingen! Auch hier erteilt der VBE die Note mangelhaft. 3. Wir brauchen Schulsozialarbeiter um Kindern, die bei denen soziale Probleme aufgearbeitet werden müssen, gerecht zu werden. Unsere Lehrerinnen und Lehrer können vieles, aber verbrennen dürfen wir sie nicht. 4. Wer kümmert sich in einer Klasse von 25, 26, 27 Schülern um die Sprachförderung einzelner? Das gilt nicht nur für Flüchtlingskinder sondern auch für Kinder, die aus Deutschland stammen und in Spracharmut aufwachsen. Auch das muss, speziell an der Grundschule, berücksichtigt werden! Ich mag kaum an das nächste Chaos denken: 5. Was ist mit dem Unterrichtsausfall? Im Schnitt haben Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen am Ende des 4. Schuljahres ein halbes Jahr weniger Unterricht bekommen als Gleichaltrige in Bayern! Wir brauchen eine landesweite flexible Vertretungsreserve, so kann es nicht weitergehen! 6. Die Qualität des offenen Ganztags muss definiert werden—die Liste ist lang: kurz gesagt: Wir brauchen in Nordrhein-Westfalen einen „Masterplan Grundschule“ und mehr Anreize, eine Schulleitung zu übernehmen - so wie es ist, kann es definitiv nicht bleiben und das gilt sowohl für die finanzielle, die personelle als auch die bürokratische Situation. Wir spielen mit der Zukunft unserer Kinder. Unsere oberste Priorität muss es sein, dass wir alles tun was möglich ist, für diese, unsere Kinder. Fangen wir endlich an. Es ist überfällig.
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